Raffo Cozze e Scontri | 2016–2022Eine Langzeitdokumentation über die Fußballfans der süditalienischen Stadt Taranto, die Ultrapaz 1978.

Antonio erklärt: „Wenn du mit deinem Stiefel in Scheiße getreten bist und alles mühsam wieder sauber geschrubbt hast, gibt es immer noch eine Stelle an der was hängen geblieben ist. Die du einfach nicht sauber bekommst. Da liegt Taranto.“

Im September 2015 reiste ich mit drei Freunden durch Italien. In ein viel zu kleines Auto gezwängt, bretterten wir von Saarbrücken Richtung Süden. Über Florenz, Neapel bis hinunter nach Apulien. Als wir den Stiefelabsatz erreichten, sahen wir inTaranto nichts weiter als eine Zwischenstation für die kommende Nacht. Die Erwartungen waren gering an diesen späten Abend. Doch der Zufall kam ins Spiel.

Mit vollen Bäuchen streiften wir ziellos durch die Straßen. Hier und da machten wir auf ein Bier halt. So trieb es uns über eine Brücke in die ausgestorbene und zerfallene Altstadt. Von der Via G. Garibaldi bogen wir in eine dunkle Gasse. An deren Ende versprach Licht unerwartete Unterhaltung: eine kleine Bar. Wir überwanden die Scheu, schoben den rot-blauen Plastikvorhang zur Seite und traten in einen winzigen, mit Männern gefüllten, verrauchten Raum.

Vorsichtig fragten wir die Anwesenden nach Bier. Der Anstand machte sich bezahlt und die Nacht nahm ihren Lauf. Es herrschte ein reges Kommen und Gehen. Uns trat man aufgeschlossen und neugierig gegenüber. Aufkleber, Wimpel, Wappen und Fotos machten klar, dass es sich um eine Bar mit Regionalstolz handelte. Die Beziehungen in die Fußballszene zu pflegen schien. Wände und Fassade waren in den Vereinsfarben Rot-Blau des Taranto FC 1927 gehalten. Wir trieben in die Nacht.


Dann tauchte Giova auf. Ein respekteinflößender, bulliger Kerl um die 50. Mit ihm war eine der Schlüsselfiguren der tarantinischen Ultra-Bewegung erschienen. Der Capo der Ultrapaz 1978. Wir kamen ins Gespräch. Unsere Gier nach Wissen bekam einen maßlosen Charakter. Geduldig beantwortete er die Fragen. In der Dämmerung bahnte sich die Verabschiedung an und er lud uns für das kommende Fußballspiel zwischen Taranto und Fondi ein. Eine Telefonnummer bekamen wir nicht. Nur einen Treffpunkt und eine Uhrzeit. Ein letztes Mal versicherte er sich, ob wir auch wirklich kommen würden. Dann verschwand er mit seinen Freunden. Nun lag es an uns. Italien ist das Mutterland der Ultra-Kultur, die Anfang der 1970er Jahren in den Fankurven der Stadien entstand. Daher haben hier solche Begegnungen ein besonderes Gewicht. Euphorisch taumelten wir zurück in unsere Absteige. Die Sonne brannte bereits.

Durch weitere Besuche in der Stadt wurde der Kontakt zu Giova und den Ultrapaz gefestigt. Sie erklärten sich einverstanden, dass ich sie mit der Kamera begleite. 2016 verbrachte ich während zweier Reisen insgesamt sechs Wochen in Taranto. Das war der Ausgangspunkt dieser Langzeitbeobachtung und der Grundstein meiner Diplomarbeit, die ich 2017 mit Taranto: Raffo, Cozze e Scontri absolvierte. Seit dem kehre ich immer wieder zurück.

Auszüge der Arbeit wurden im 11 Freunde Magazin #206 2019 veröffentlicht.

Lukas Ratius
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