Der Apparat und andere Geschichten (Ausstellung in der Stadtgalerie Saarbrücken, 2022)

Das Werk von Lukas Ratius zeichnet sich durch eine ehrliche Nähe aus. Mit seiner Alltags-Dokumentation schafft er einen Raum, der alles zulässt, was in dem Moment vorhanden ist. Er macht raue Verletzlichkeit genauso sichtbar wie starkes Selbstbewusstsein. In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung zeigt die Stadtgalerie vor allem Arbeiten aus dem Großraum Saarbrücken.

In dem Fotobuch »Der Apparat« (erschienen im Juli 2021 im Verlag Kettler) untersucht Lukas Ratius mit ungewohntem Blick den saarländischen Staatsapparat. Er beleuchtet die – normalerweise unsichtbaren – kleinteiligen Aspekte in den administrativen und politischen Netzwerken des Bundeslandes. Neben einigen Werken dieser Arbeit, zeigt die Ausstellung weitere Werke der letzten Jahre.

Im Videoraum konzentriert Lukas Ratius in der Arbeit Saarbrücken Scurrilitas Fotos, die aus seinem Interesse an Unmittelbarkeit und deren Kombination entstehen. Die Sound-Aufnahmen stammen aus dem öffentlichen Raum.

Im Innenhof tauchen Auszüge aus Sprachgewalt auf, einem Projekt bei dem Lukas Ratius aufgeschnappte Gespräche und Satzfetzen aus dem saarländischen Alltag sammelt.

 

»Die Stadt der Städte« sind verschiedene Aufnahmen aus dem Großraum Saarbrücken: Städtische Szenarien, Architektur, Portraits, Kulturlandschaften. Lukas Ratius lebendiges Archiv eröffnet mögliche Wirklichkeiten. Der atmosphärische Zusammenhang der verschiedenen Werke öffnet einen unverfälschten Blick auf besondere Nischen, auf lokale Eigenheiten und auf Menschen in ihrem alltäglichen Tun.

 

Das Saarland zeichnet sich nicht nur durch eindrucksvolle Natur- und Kulturlandschaften aus, sondern auch durch eindrückliche Industrie und sehr verschiedene Bewohner*innen. Lukas Ratius zeigt gesellschaftliche Wirklichkeiten und soziale Beziehungen in der Gesellschaft. Bewährte Lebensordnungen und zugewiesene soziale Eigenschaften stellt er jedoch in Frage. Ohne eine verbindliche Wahrheit oder eine angebliche Essenz sind zeitgleich verschiedene Facetten eines Momentes in seinen Bildern festgehalten. Er porträtiert das Leben und verhindert eine vorschnelle Stigmatisierung aller Beteiligten. Bei ihm kommen zufälliger Schnapsschuss und tieferliegende Dimension in Bildern zusammen, er schafft eine unaufgeregte Selbstverständlichkeit.

 

Lukas Ratius persönliche Bildsprache ist geprägt von seiner Fähigkeit sich auf einen vorhanden Rhythmus einzulassen. Er lässt unterschiedliche Anschauungen zu und schützt eine vorhandene Verletzlichkeit. Lukas Ratius hat wirkliches Interesse an Menschen und Situationen. Seine Wertschätzung gegenüber anderen und seine Aufrichtigkeit merkt man seinen Fotografien direkt an. Sein fotografisches Sehen ermöglicht Betrachter*innen einen Bezug zu dem Alltag von Orten und deren Bewohner*innen zu erfahren.

 

Die Werke werfen viele Fragen auf: Was prägt uns als Gesellschaft? Welche Klischees beschäftigen uns als Gesellschaft? Welches Verständnis von Erfolg gilt, wie gleich und ungleich sind die Chancen im Leben verteilt? Welche soziale, kulturelle und ökonomische Bedingungen tragen zu unserem jetztigen Verhalten bei? Wie gestaltet sich unser Verhältnis zu Eigentum und Besitz? Welche Rollen- und Identitätsverständnise stehen hinter unserer Haltung? Die Stadtgalerie zeigt mit der Ausstellung von Lukas Ratius einen Auszug aus vielschichtigen Momentaufnahmen. In der allgegenwärtigen Bilderflut lädt Lukas Ratius ein, differenziert zu sehen sich mit Lebensumständen und Orten vertraut zu machen.

 

Text von Katharina Ritter, Künstlerische Leiterin der Stadtgalerie Saarbrücken

 

Ausstellungsfotos von Oliver Dietze